Offener Brief an Stadtbezirksbürgermeister und BVV-Vorsteher
Sehr geehrter Herr Kleinert,
sehr geehrter Herr Köhne,
sehr geehrte Stadträte und Abgeordnete!
Kurzfristig und eher zufällig haben wir von dem Tagesordnungspunkt der heutigen BVV-Sitzung erfahren, in dem es um die Auseinandersetzungen zur Ausstellung „Prenzlauer, Ecke Fröbelstraße. Hospital der Reichshauptstadt, Haftort der Geheimdienste, Bezirksamt Prenzlauer Berg, 1889 – 1989“ geht. Als Autoren und Produzenten dieser Ausstellung möchten wir hierzu Folgendes erklären:
Die BBGW e.V. hat sich seit 2003 mit der Geschichte des Geländes beschäftigt und für die Realisierung der Ausstellung und des Begleitbandes mehrere Förderanträge gestellt, von denen einer von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bewilligt wurde. Grundlage für alle Texte im Begleitband und in der Ausstellung waren die Auswertung des aktuellen Forschungsstandes sowie eigene Forschungen in Archiven und Interviews mit Zeitzeugen.
Zu jeder historischen Erscheinung gibt es unterschiedliche Interpretationen. In einer demokratischen Gesellschaft sind daher die Freiheit der Forschung und der Pluralismus verfassungsrechtlich garantiert. Dennoch zeichnet sich auch die Geschichtswissenschaft durch Methoden und Regeln aus, die eine Überprüfung unterschiedlicher Thesen zulassen. Die Kritik der ehemaligen stellvertretenden Bürgermeisterin und Stadträtin für Wirtschaft, Kultur und Stadtentwicklung des Bezirks Pankow, Frau Nehring-Venus, an Aufsätzen des Begleitbandes und Ausstellungstexten, insbesondere an der Rekonstruktion des Vereinigungsprozesses von KPD und SPD zur SED im Bezirk Prenzlauer Berg Anfang 1946 und der Politik der SED sowie der Sowjetischen Kommandantur gegen die demokratisch gewählte Bezirksbürgermeisterin Ella Kay und ihres sozialdemokratischen Nachfolgers konnten von den Autoren nicht nachvollzogen werden. Die Versuche der Einflussnahme auf die Texte durch Frau Nehring-Venus wurden von den Autoren abgewiesen. Daraufhin kündigte die Stadträtin schon im Vorfeld eine öffentliche Kritik an der Ausstellung für die Eröffnungsveranstaltung an.
In ihrer Rede stellte sie als Kooperationspartnerin die Kritik an der Ausstellung in den Mittelpunkt, gab einen falschen Eindruck von der Ausstellung wider und stellte sich mit ihren Auffassungen zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD hinter den auch von der PDS 1995 akzeptierten Forschungsstand.
In der Nacht zum 9.12.2006 wurde das Transparent am Gelände des Bezirksamts Pankow an der Prenzlauer Allee zerstört, das auf die Ausstellung hinweist. Politische Motive für die Zerstörung können nicht ausgeschlossen werden. Bereits im September 2004 wurden zwei Transparente der Berlin-Brandenburgischen Geschichtswerkstatt e.V., die auf die Nutzung des Geländes durch die sowjetischen Geheimdienste und des MfS hinwiesen, gewaltsam entfernt.
Die BVV des Bezirks Pankow möge die Verwaltung auffordern, Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen und das Transparent erneut herstellen und anbringen zu lassen .
Der Vorstand der Berlin-Brandenburgischen Geschichtswerkstatt e.V. 13.12.2006.
[Download als PDF-Dokument: offenerbrief_20061213.pdf]
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